Nach
einer Weile des Schauen und Bewundern beschließe ich weiterzugehen. Der
Weg, der in den Garten hineinführt, ist ein schmaler Rasenpfad. Weich und
einladend spüre ich das Gras unter meinen Füssen und Erinnerungen an
längs vergangene Kinderspaziergänge tauchen in meinen Gedanken auf.
Der Pfad führt zwischen hohen Büschen und Sträuchern hindurch.
Er ist in seiner ganzen Länge gebogen, so daß ich immer nur ein kleines
Stück des Weges überblicken kann. Ich laufe eine ganze Weile auf
diesem Rasenpfad. Die Biegungen werden immer enger und enger und bald wird deutlich,
dass der Weg eine Spirale bildet. Immer weiter dreht sich der Weg, immer gegen
den Uhrzeigersinn, und ihm folgend, nähere ich mich dem Mittelpunkt der Spirale.
Dieses linksherum laufen lässt mich ruhiger werden, es ist wie eine Reise
nach innen, wie eine Meditation oder ein Gebet. Nach einer letzten Biegung stehe
ich im Zentrum der Spirale. In der Mitte gibt es einen kleinen, kreisrunden
Teich. Das Wasser steht ganz still und der mittlerweile etwas verhangene Himmel
spiegelt sich in ihm. An seinen Ufern steht hohes Chinaschilf. Die langen Halme
bewegen sich leicht in dem kaum spürbaren Wind. Es gibt einen großen,
weißen, flachen Stein dicht am Ufer, auf dem ich mich niederlasse. An dieser
Stelle bildet das Schilf eine kleine Nische, so dass man ungestört und unbeobachtet
sitzen kann, um ein bischen zu verweilen und um auf die glatte Wasseroberfläche
zu schauen. Das Wasser ist wie ein Spiegel. Die Luft ist ein wenig diesig, ein
ganz feiner Nebel legt sich auf meine Wangen. Er vermischt sich mit den salzigen
Tränen, die mir ohne Vorankündigung mit einem Mal über das Gesicht
laufen; etwas in diesem Garten hat mich sehr angerührt. Ich lasse meine Gedanken
schweifen, während ich auf das Wasser blicke. Es ist ganz still hier. Auf
einmal nehme ich eine Bewegung auf der anderen Seite des Teiches wahr. Eine Frau
ist dort am Ufer. Es ist Selene, die Mondgöttin. Ihre zierliche Gestalt ist
mit einem silberweißen mit dunkelblauen Stickereien verzierten Schleier
verhüllt. Mit dunklen, sehr großen Augen blickt sie ein wenig verhangen
darunter hervor. Sie kommt langsam um den Teich herum zu mir, fast kommt es mir
vor, als schwebe sie. In ihrer linken Hand hält sie ein wunderschön
gebogenes Horn einer Kuh, welches im dämmrigen Licht silbern schimmert. Sie
überreicht es mir als Geschenk. Dann wischt sie mir mit einem weichen Tuch
die Tränen vom Gesicht und mit einem melancholischen Lächeln auf den
Lippen entschwindet sie in den Nebeln über dem Teich. Geborgen wie in einem
Nest versinke ich in Tagträume, aus denen ich etwas später erfrischt
und gestärkt ''erwache''.
(aus: "Der astrologische Garten" von
Annette Fechner, Chiron Verlag Tübingen 2004) nach
oben |