Es
folgt die Herbst -Tag- und- Nachtgleiche am 23. September. Der Abstieg der Sonne
ist zur Hälfte vollbracht. Eine Garbe ist das entsprechende Symbol, denn
es ist die Zeit der Ernte. Die sechste Spitze ist mit der Abbildung einer Maske
verziert. Es ist Allerseelen, die Nacht zum 1.November, in der die toten Ahnen
und Ahninnen geehrt werden. Zur Wintersonnenwende gehört die Mistel. Um
Weihnachten herum, am 21. Dezember, hat die Sonne ihren tiefsten Stand erreicht,
und ab jetzt werden die Tage wieder länger. Auf der im Kreis letzten Spitze
sehe ich eine Flamme. Sie steht für Lichtmess, die Nacht zum 1. Februar.
Hier wird das wiederkehrende Licht gefeiert, denn die Tage sind schon spürbar
länger geworden. Um den Eschenstamm herum gibt es eine vergoldete Bank,
verschnörkelt und verspielt gearbeitet. Ich setze mich auf sie und blicke
in das mächtige Kronendach der Esche hinauf. Die Sonne funkelt durch die
Blätter und es ist so licht und hell dort oben, dass ich am liebsten hinaufsteigen
möchte. Da entdecke ich plötzlich eine sonnengelbe Leiter, die
an den Stamm des Baumes gelehnt ist. Sie reicht bis in die Krone hinein. Ich steige
auf ihr hinauf, immer höher und höher klettere ich, bis ich ganz oben
in dem licht durchfluteten Kronendach angekommen bin. Es gibt hier einen kleinen
Hochsitz, auf dem ich mich niederlasse, und von dort hinunter auf den Platz schaue,
auf dem ich eben noch gesessen habe, und ich sehe, wie das Laub der Esche und
die Sonne kleine Lichtflecken auf dem Boden tanzen lassen. Plötzlich
nehme ich eine Bewegung wahr: Helios, der Sonnengott, sitzt neben mir auf dem
Hochsitz. Er hat eine muskulöse, mittelgroße Gestalt, eine blonde Löwenmähne
und katzenhafte, lässige Bewegungen. In einen purpurroten Samtmantel gekleidet,
sich seiner herrlichen Ausstrahlung offensichtlich bewusst, heißt er mich,
den Baum wieder hinunterzuklettern und auf dem kleinen Weg, der an der Hecke entlangführt,
langsam einmal den Garten zu durchschreiten. Dieser Pfad bringt mich durch
üppig blühende Rabatten. Ich bewundere die vielen, in allen nur denkbaren
Gelbtönen blühenden Pflanzen. Es gibt hellgelbe Blüten, zitronengelbe,
dottergelbe, dunkelgelbe bis hin zu orangegelben Blüten in unterschiedlichsten
Formen. Sie alle leuchten hell in der Sonne. Während ich so auf dem
Pfad entlang schlendere, verändern sich, langsam und fließend, die
Jahreszeiten. Es ist, als könnte ich bei diesem kurzen Gang einmal das ganze
Jahr erleben. Während des Frühlings blühen auf den Beeten die ersten
Frühjahrsblumen, Krokusse, Narzissen und gelber Gemswurz. Es liegt dieses
Drängen in der Luft, was dem Frühling zueigen ist. Alles will wachsen
und gedeihen. Zitronenfalter gaukeln durch die Luft. Die Sträucher entfalten
ihre Blätter und auch bei ihnen blühen die Frühjahrsblüher,
wie Forsythien, Ranunkelstrauch mit seinen kugeligen, dottergelben Blütenbällchen
und Ginster mit sattgelben Schmetterlingsblüten. Langsam wird es immer
wärmer und dann ist der Sommer da. Die Vögel sind in der Mittagshitze
verstummt, stattdessen erfüllt das Zirpen der Grillen die Luft. Eine Katze
liegt schläfrig mitten auf dem Weg und sonnt sich. Auf den Beeten blühen
Sommerblumen; ich sehe die Strahlenblüten von Sonnenbraut und Mädchenauge
und die großen, wie kleine Sonnen anmutenden Blüten der Sonnenblumen. Der
Herbst kommt. Noch ist die Luft weich von der Fülle und Wärme des vergangenen
Sommers, aber ich spüre schon, wie sie kühler und frischer wird. Ein
leichter Nebel liegt über den Beeten, und von Tautropfen benetzte Spinnenweben
hängen zwischen den Blättern der Pflanzen. Herbstastern und Sonnenhut,
Goldrute und Kaiserkronen bilden jetzt sattgelbe Farbtupfer neben dem orangebraunen
und roten Herbstlaub der Sträucher. Orange leuchtender Kürbis schimmert
unter großen Blättern hervor. Ich gehe weiter auf meinem Weg
und jetzt beginnt es, nach Winter zu riechen. Das Licht wird klarer und härter.
Die Luft fühlt sich frostig an auf meinen Wangen. Schnee bedeckt den Weg
und die Beete, doch immer noch entdecke ich gelbe Blüten aus dieser Schneedecke
hervor leuchten. Es sind der echte, gelbe Jasmin und die Lichtmesszaubernuss,
die jetzt blühen. Auch die Winterlinge strecken ihre kleinen, gelben, kugeligen
Blüten durch den Schnee. Hoch oben am Himmel kreist ein Raubvogel auf der
Suche nach Nahrung in der Luft. Während ich weiter dem Pfad folge,
wird es wieder wärmer; der Schnee schmilzt zu kleinen Bächen, die durch
den Garten rinnen. Es ist erneut Frühling, und ich bin zurück an meinem
Ausgangspunkt, dort, wo ich auf den kleinen Pfad abgebogen bin. Ich freue mich
sehr über dieses Geschenk des Helios; noch nie zuvor sind mir die unterschiedlichen
Erscheinungen und Energien der Jahreszeiten so bewusst gewesen wie während
der gerade erlebten, kleinen Zeitreise!
(aus: "Der astrologische
Garten" von Annette Fechner, Chiron Verlag Tübingen 2004) nach
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