Eine
Reise | Teil sechs
Der Chirongarten
Während
meiner Wanderung durch den Sonnengarten hatte ich einen weiteren Durchlass in
der Eibenhecke gesehen. Er führt in einen Wüstengarten, in dem es nur
Felsen, Geröll und Schotter gibt. Er wirkt auf den ersten Blick wenig einladend,
es gibt keine ''gemütlichen'', heimeligen Ecken und keine schönen Ausblicke.
Aber bald entdecke ich auf den kahlen Felsenhügeln in Ritzen und kleinsten
Fugen Kakteen und Dickblattgewächse, die ihre kleinen, aber weithin leuchtenden
Blüten der Sonne entgegenstrecken. Und eine kleine Quelle finde ich auf meinem
Rundgang, dessen Wasser zwischen Steinen hervorquillt und sich in einem winzigen
Becken sammelt. Als ich es mit der hohlen Hand schöpfe und probiere, schmeckt
es überraschend kühl und frisch.
Fast habe ich den gesamten 'Garten'
durchquert, als ich zu einem Sandplatz komme. Hier gibt es eine große Sandfläche
und ein Lager mit Kies, Steinen und Sand in unterschiedlichen Körnungen und
Farben. Aus einem inneren Antrieb heraus beginne ich, mit dem Material ein Bild
auf den Boden zu streuen und zu formen. Alles wird zu einem Symbol, ohne dass
ich die Bedeutung in Worte fassen könnte. Ich weiß nur, dass es etwas
in mir sehr tief verborgenes zeigt, etwas Wesentliches. Das Bild wird immer differenzierter
und bald suche ich noch andere Materialien aus der Umgebung zusammen, um alles
aus mir Hervorsprudelnde darstellen zu können. Schließlich sinke ich
neben meinem Bild in den Sand, erschöpft und gleichzeitig wie gereinigt.
Noch lange schaue ich auf dieses Sandbild und fühle eine große Ruhe
in mir. Dann verlasse ich den Platz und für Chiron, den Hüter dieses
Gartens, lasse ich eine Haarsträhne als Dank zurück.
(aus: "Der
astrologische Garten" von Annette Fechner, Chiron Verlag Tübingen 2004)